Einkaufen & Spaß dabei! Mission: Nachhaltigeres Einkaufen ohne Auto – auch auf dem Land

Nach seinem Umzug vom Ruhrpott nach Halver fiel Martin Donat auf: Viele Einkaufsmöglichkeiten, die man im Ballungszentrum leicht findet, gibt es auf dem Land nicht – schon gar nicht, wenn man nicht das Auto nutzen möchte. Also machte er sich auf die Suche… natürlich auf dem Rad!

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Nun bin ich also umgezogen. Vom Rande des Potts an den Rand des Sauerlands. In diesen zwei Sätzen steckt eine Menge Orga und noch mehr Muskelkraft: Sachen einpacken, Sachen auspacken, Möbel schleppen und Fahrräder umsiedeln – so ein Umzug beschäftigt doch eine ganze Weile. Erst, wenn wieder Ruhe einkehrt, gewöhnt man sich an die neue Umgebung. Ich bemerke, was mir im neuen Zuhause besser gefällt und manchmal vermisse ich auch ein paar Dinge von früher. Dazu gehören vor allem all die schönen Einkaufsmöglichkeiten, die ich mit der Zeit gefunden hatte: der Minibaumarkt mitten in der Stadt, der Unverpacktladen, der Bio-Hofladen um die Ecke oder der Biobauer einen Ort weiter, bei dem ich mit dem Lastenrad mein Mehl kaufen konnte – das alles gibt es hier nicht. Stattdessen herrscht auf dem Land noch viel mehr die Meinung: Ohne Auto läuft hier schonmal gar nichts. Für mich ist dieser Satz in der Regel eine direkte Herausforderung: Es muss auch hier gehen, jetzt erst recht! Und zwar nicht nur, um damit zum nächsten Lebensmitteldiscounter zu fahren. Meine Mission war klar: Möglichst nachhaltig einkaufen – auf dem Land, ohne Auto. 

Augen auf!
Solche „Schmankerl“ findet man nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda oder indem man die Online-Karte so nah heranzoomt, wie nur möglich…

Im Ruhrgebiet gibt es von allem jede Menge. Dementsprechend einfach ist es dort, zu finden, was man sucht, ohne dafür weit fahren zu müssen. In einem Dorf mit 1.000 Einwohnern und einer generell nicht ganz so dicht besiedelten Umgebung sieht es anders aus. Vieles gibt es einfach nicht oder es ist relativ weit weg. Ein Unverpacktladen um die Ecke? Fehlanzeige. Und auch vom Mehleinkauf mit dem Lastenrad muss ich mich wohl verabschieden, oder? Ich checkte – zunächst online – jeden Winkel meiner neuen Umgebung ab und stellte recht bald fest, dass es sich lohnt, etwas genauer hinzusehen. Ich fand sogar ein paar richtig coole „Einkaufsmöglichkeiten“, von denen ich hier berichten werde. Außerdem habe ich ein paar Anregungen für nachhaltigeres Einkaufen ohne Auto  zusammengestellt, die auch auf dem Land funktioneren.

Aus ihrer Ernte macht Corinna Kraft Marmelade, Gelee, Likör, Sirup und Chutneys, wobei sie gern experimentiert und schon viele spannende Mischungen erfunden hat.

Martin Donat

Es gibt ihn doch: Den Hofladen

Man sollte ja meinen, auf dem Land gibt es an jeder Ecke einen Hofladen, oder etwa nicht? Prinzipiell stimmt das auch. Allerdings ist die Produktauswahl je nach Region nicht sehr vielfältig. Rund um mein neues Zuhause werden zum Beispiel vor allem Getreide und Mais angebaut und Rinder/Kühe gehalten. Dementsprechend gibt es – wenn ab Hof verkauft wird – meist auch nur Milch und Fleisch. Trotzdem habe ich Glück: Direkt im Ort gibt es einen Biobauern, der auch noch einen Bioladen mit guter Auswahl auf seinem Hof betreibt. Bingo! Ab sofort wird der Biohof Hofladen Wolf mein fester Anlaufpunkt für die Einkäufe des Alltags werden.

Delikatessen aus dem Hexenhaus

Für dieses „Fundstück“ musste ich die Onlinekarte schon ganz schön weit hereinzoomen. Doch als ich ihn fand, machte mich der Eintrag „Delikatessen aus dem Hexenhaus“ neugierig, sodass ich dem märchenhaft klingenden Ort einen Besuch abstattete. Warum das Haus so heißt, war mir sofort klar: Es liegt zwar nur wenige Kilometer von meinem neuen Zuhause entfernt, trotzdem mitten im Nirgendwo. Ein einzelnes Haus, umgeben von ein paar Bäumen und nur über eine waschechte Schotterpiste zu erreichen. Doch statt der runzeligen Hexe treffe ich Im Hexenhaus Corinna Kraft, die dort bereits seit mehr als 25 Jahren lebt – umgeben von einem zwei Hektar großen Stück Land, auf dem es schon damals eine verwilderte Streuobstwiese gab. Doch das war ihr etwas zu langweilig und so begann sie damit, immer wieder mal etwas Neues anzupflanzen. Das Ganze – so scheint mir – ist ein wenig eskaliert: Heute bewirtschaftet sie ganze 3.000 Quadratmeter auf ihrem Grundstück und pflanzt dort Gemüse, Früchte, Kräuter und sogar Pilze an. Dabei verzichtet sie völlig auf den Einsatz chemischer Mittel – Bio, ohne Zertifikat.

Haus im Wald. Am Ende des Weges steht – ganz allein – das kleine Hexenhaus.

Aus ihrer Ernte macht Corinna Kraft Marmelade, Gelee, Likör, Sirup und Chutneys, wobei sie gern experimentiert und schon viele spannende Mischungen erfunden hat. Irgendwann war die Ernte allerdings so groß, dass sie für den Eigenbedarf einfach zu viel herausbekam. Und so kam schließlich die Idee auf, die köstlichen Leckereien in einem kleinen Laden zu verkaufen. Seitdem gibt es die „Delikatessen aus dem Hexenhaus“.

Im Hexenhaus. Corinna Kraft, ihre beiden Hunde und ihre gemütliche Delikatessen-Stube.

Schon die Fahrt dorthin ist total schön und führt mich über einsame Nebenstraßen, die mitten durch den Wald verlaufen. Das Haus – beziehungsweise seine Lage – ist zum Verlieben: Es ist völlig einsam hier, ein echtes Paradies. Frau Kraft und ihre beiden Hunde begrüßen mich und ich bekomme erstmal einen Kräutertee angeboten. Danach stöbere ich ein wenig in den Regalen: Getrocknete Apfelringe, Pflaumen-Anis-Likör, eingelegte Pilze mit Apfel und Zwiebel, Süßkartoffel-Tomaten-Suppe und unzählige Sorten Gelee, Marmelade, Pesto oder Senf – Wahnsinn, was Frau Kraft alles aus ihrem Garten zaubert. Ich gönne mir jedenfalls ein paar Kostproben und bin mir sicher: Hier war ich nicht zum letzten Mal.

In Beckum reißt mich ein ‚Oppa‘ aus meinen Gedanken, als er mich einfach so anquatscht und mich fragt, ob ich der Landwirtschaftsminister wäre, weil ich hier mit dem Fahrrad herumfahre…

Martin Donat

Tour de Bio-Mühle

Etwas aufwändiger ist mein nächster Einkauf: Nach langem Suchen habe ich eine Mühle gefunden, die noch selber Mehl herstellt und das Ganze in Bio-Qualität von regionalen Getreidebauern. Die Sache hat nur einen „Haken“: Die Mühle steht im rund 85 Kilometer entfernten Warstein. Wenn das mal nicht nach einer ordentlichen Radtour klingt!

Einkaufen als Happening! Wenn aus dem Einkauf ein großartiger Tag auf dem Rad wird…

Die „Biomühle Eiling“ ist jedenfalls eine der ältesten und bedeutendsten Mühlen im Möhnetal, deren Anfänge ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Bis heute wurde sie immer wieder umgebaut, wieder aufgebaut, modernisiert und erweitert – die wohl größte Änderung erfuhr sie aber im Jahr 2011: Dann nämlich beschlossen die heutigen Müller Thorsten und Jens Eiling, der Familientradition eine neue Facette zu verleihen – sie beschlossen aus ökologischer Überzeugung gemeinsam mit Vater Bernhard auf Bio umzustellen. Alles wurde modernisiert und umstrukturiert – heute ist sie die einzige zertifizierte Biomühle in ganz NRW!

Doch bis ich dort bin, muss ich mich noch ein bisschen anstrengen! Das fällt mir allerdings vergleichsweise leicht, denn meine Route ist echt schön. Ich fahre durchs malerische Mintenbecker Tal, vorbei am beeindruckenden Schloss Neuenhof und durchs Versetal Richtung Werdohl. Die Route ist total abwechslungsreich und geht ständig auf und ab, da ich versuche, den Bundesstraßen aus dem Weg zu gehen. Hinter Neuenrade wartet mit einer kleinen Bachüberquerung sogar noch ein Hauch von Abenteuer auf mich und die offene, super weite Landschaft im folgenden Abschnitt fühlt sich fast ein bisschen an wie die schottischen Highlands. Erst in Beckum reißt mich ein „Oppa“ aus meinen Gedanken, als er mich einfach so anquatscht und mich fragt, ob ich der Landwirtschaftsminister wäre, weil ich hier mit dem Fahrrad herumfahre. Nach dieser Anspielung auf Cem Özdemir kann er sich anschließend noch ein paar gute Ratschläge für die 41-Jährige Bundesaußenministerin nicht verkneifen, die seiner Meinung nach an ihrem ersten Arbeitstag schon alles falsch gemacht hat. Besser, ich fahre schnell weiter. 

Mehl ab Werk. Viele solcher traditionellen Mühlen gibt es nicht mehr – schon gar nicht mit Bio-Qualität!

Eine weise Entscheidung, denn es folgt eines der schönsten und gleichzeitig am wenigsten anstrengenden Stücke der Tour: Die Radwege entlang des Möhesees und später über eine alte Bahntrasse sind malerisch schön und zumindest an diesem trüben, winterlichen Dezember-Donnerstag ohne menschliche Begegnungen purer Genuss. Und dann bin ich am Ziel angekommen: bei der Bio Mühle Eiling. Hier rauscht tatsächlich der Bach, der direkt unter dem Gebäude her fließt. Ansonsten ist es aber beinahe unspektakulär hier. Schließlich handelt es sich ja auch um einen richtigen Betrieb, nicht um eine Schaumühle. Deswegen kann ich auch nur einen vagen Blick durchs Fenster werfen, um die im Inneren befindlichen Maschinen zu erahnen, mit deren Hilfe meine Ladung entstanden ist: verschiedene Sorten Mehl, frisch gemahlen aus Bio-Getreide, das aus der Region kommt. Das einzig Blöde ist, dass mein Rad jetzt 20 Kilo mehr auf die Waage bringt…

Mein kleines Fazit:

Natürlich sind gerade so lange Touren wie die zur Mühle nicht jedermanns Sache. Trotzdem lohnt es sich, die Augen aufzumachen. Dann wird man sich wundern, was alles „um die Ecke“ hergestellt wird. Mit dem Fahrrad macht das Abholen umso mehr Spaß und eröffnet ganz neue Blicke auf die (neue) Heimat.

Unbefahrene Wege. Viel besser als die Bundesstraße – wenn auch meistens deutlich steiler. Martin kämpft sich meist ohne E-Motor hinaus. Mit dem Lastenrad für Halver geht’s deutlich einfacher!

Anregungen für Nachhaltigeres Einkaufen ohne Auto

1. Checke deine Umgebung genau ab

Meistens gibt es mehr, als man denkt oder kennt. Gerade auf dem Land produzieren viele Leute aus reiner Leidenschaft dies und das. Ob Hobby-Imker, Fischteich, privater Walnussverkauf oder Mini-Brauerei – wenn du die Augen aufmachst, findest du bestimmt auch in deiner Nähe schöne Möglichkeiten.

2. Unverpackt einkaufen geht auch ohne Unverpacktladen

In regionalen Hofläden gibt es Obst oder Gemüse völlig ohne Verpackungen und selbst in den meisten Supermärkten wird immer weniger Plastik genutzt. Vergiss nicht deine Obst/Gemüsenetze, damit der Einkauf nicht im Chaos endet. 

(Fast) Unverpackt einkaufen geht übrigens auch beim Bestellen: Es gibt mittlerweile viele Händler, die großen Wert darauf legen, möglichst keine Verpackungen zu verschwenden. So habe ich zum Beispiel Toilettenpapier gefunden, dessen Rollen lose in einem einfachen Pappkarton aus Recyclingpappe verschickt werden.

3. Besser planen

Auf dem Land ist vieles weiter weg, weshalb Besorgungen mehr Zeit brauchen – erst recht, wenn du versuchst, das Fahrrad zu nehmen. Umso wichtiger ist ein Plan: Kauf zum Beispiel gleich für die ganze Woche ein, so lohnt sich der längere Weg mit dem Fahrrad und ganz nebenbei hilft ein guter Plan, Lebensmittelabfälle zu reduzieren.

4. Mach ein Happening draus!

So habe ich es mit meinem Mehleinkauf gemacht. Die Biomühle Eiling ist mit 85 Kilometern deutlich zu weit weg für einen entspannten Einkauf nach Feierabend. Wenn ich aber eine ausdauernde Tour als echtes Highlight daraus mache, wird das Mehl zur Nebensache und ich habe einfach einen schönen Tag auf dem Rad. 

5. Dein eigener Unverpacktladen

Viele Produkte kannst du in genau den Verpackungsgrößen kaufen, wie es ein Unverpacktladen auch tun würde. Wenn du dir zum Beispiel einen Fünf-Liter-Kanister Duschgel zulegst, kannst du dir daraus – wie im Unverpacktladen – immer eine kleine Menge fürs Bad abzapfen und auf diese Weise 20 einzelne 250-ml-Verpackungen aus Plastik sparen.

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